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"Das ist vielleicht nicht für jeden etwas"

 

Spontanes Brainstorming: Oxford. Was fällt Ihnen dazu ein? Hier mal eine Einschätzung: Renommee, super gerankt, alt, intelligente Leute, viele Bewerber von denen verhältnismäßig wenige genommen werden, berühmte Absolventen, zum Beispiel Stephen Hawking, Emma Watson, Rowan Atkinson und viele mehr, Drehort für „Harry Potter“ Filme (u.A.), teuer. Und das alles ist auch zutreffend. Und da wären natürlich auch noch Touristen und normale Einwohner. Wenn man die Stadt besichtigt, lässt sich daraus übrigens ein witziges Spiel machen, wenn man durch die Hauptachsen läuft. Wer, in der Menge der vielen (meist jungen) Leute, ist Student, wer wohnt hier, wer ist Tourist? Und das ist meistens eigentlich gar nicht so schwer: wenn jemand fünf Primark Taschen durch die Gegend schleppt, Touri. Wer eine Art von schicker Oxford Kleidung, wie man sie zum Beispiel bei manchen Prüfungen, Einweihungsfeiern, und sonstigen Veranstaltungen trägt; Student. 

 

Hält man sich etwas an den Rändern der etwa 160.000 Einwohner Stadt (Studenten: ca. 24.000) auf, bekommt man den Eindruck einer „normalen“ englischen Stadt übermittelt: braun-rote Backsteinhäuser, Linksverkehr. Im Zentrum wird einem dann klar, dass es sich doch nicht um eine soo normale Stadt handelt. An jeder Ecke ist ein Souvenir Shop, überall Möglichkeiten etwas zu essen. Und dazwischen Colleges, Universities, große, kleine, alte, neue, bekannte, unbekannte. Ungefähr so lässt sich das aktuelle Bild beschreiben.

 

Aber wie hat sich die Stadt so entwickelt? Ein Bisschen Geschichtsunterricht. Zunächst unter dem Namen „Oxanforda“, wird Oxford in der Angelsächsischen Chronik von 912 erstmals dokumentiert. Seine Existenz geht auf ein an der Stelle im 8. Jhdt. gegründetes Kloster zurück. Im Laufe der Zeit wird die Stadt zu einem wichtigen militärischen Stützpunkt und zur Universitätsstadt. In Aufzeichnungen aus dem 12. Jhdt. werden die ersten Colleges der University benannt: das University College (1249), das Balliol College (1263) und das Merton College (1264).

Heute erfreut sich die Stadt und die Uni größter Popularität und Achtung. Beim weltweiten Universitätsranking steht sie auf Platz 1, gefolgt von Cambridge, und dem California Institute of Technology.

 

Irgendwas muss also dran sein am sehr guten Ruf von Oxford. Aber was genau motiviert Schülerinnen und Schüler der ganzen Welt, welche sich am Ende ihrer Schul-, aber sicher nicht Bildungskarriere befinden, ausgerechnet dort hingehen zu wollen, außer dass es halt Rang 1 (aktuell) in der Welt ist? Es gibt schließlich auch noch viele andere, unter Umständen weniger bekannte, aber sehr gute Universitäten, nicht nur in England. 

 

Die größte Konkurrenz ist jedoch auch in England, und sie war schon von Anfang an da, in direkter Nachbarschaft: Cambridge. Auf den ersten Blick haben die beiden viele Gemeinsamkeiten: das alt-ehrwürdige Ambiente (wenn auch mit mehr grün in Cambridge), den Streit um den ersten Platz, die Struktur der Universität (Unterteilung in mehrere Colleges), die ungefähre Entstehungszeit. Die University of Cambridge wurde schon im Jahre 1209 gegründet. Sie ist im aktuellen Ranking vielleicht knapp hinter Oxford (kommt auch immer auf den fachlichen Bereich an, außerdem gibt es viele Rankings, die nach verschiedenen Maßstäben gehen), aber sie führt auf einem anderen Gebiet: 107 Mitglieder der Universität sind Nobelpreisträger. Das ist mehr, als jede andere Universität ja zustande gebracht hat (Oxford: 46). 

 

Auf einer bestimmten Ebene wird der Konkurrenzkampf besonders gut sichtbar demonstriert: beim jährlichen Boat Race. Von den 164 Austragungen (seit 1829) gewann Cambridge 83, und Oxford 80, eines ging unentschieden aus. Auch hier tritt das altbekannte Phänomen auf: es ist ein wahres Kopf-an-Kopf-Rennen. Wenn man in Oxford an der Themse, die hier im Vergleich zu London noch ziemlich klein ist, entlangläuft, kann man den Rudermannschaften hautnah beim Trainieren zusehen: auf dem Wasser die Boote, auf dem Land fährt immer jemand mit dem Fahrrad nebenher und brüllt den Ruderern Befehle zu. 

 

Aber zu ernst soll die Rivalität zwischen den beiden Top-Unis ja auch nicht genommen werden. Das wird deutlich in gemeinschaftlichen Aktivitäten wie dem Varsity-Trip. Ein jährlicher einwöchiger Skitrip, bei dem über 3000 Oxford- und Cambridge-Studenten gemeinsam Skifahren und vor allem ziemlich viel feiern gehen. 

 

Warum so viele Schulabgänger nach Oxford wollen, ist also offensichtlich: „Zum Einen hat die University of Oxford einen Stellenwert, den nur wenige Universitäten auf der Welt haben, sie ist natürlich vergleichbar mit Cambridge, Harvard und solchen Universitäten, aber es gibt nur wenige, die an dieses Niveau herankommen. Zum Anderen bietet die University of Oxford eine sehr tolle Lebensqualität; es ist immer noch eine Studentenstadt, du bist mit sehr vielen anderen Studenten zusammen, somit ist es leicht, neue Leute zu treffen, außerdem hat die Stadt ihr ganz eigenes Gefühl, sie ist sehr anders als größere Städte, beispielsweise London, einfach weil überall in der Stadt diese Colleges sind. Man hat also immer das Gefühl, man ist in einer sehr noblen  Universitätsstadt.“ ( - ein Masterstudent der University of Oxford) Und dieses Gefühl kommt nicht von irgendwo, Oxford ist nämlich eine noble Universitätsstadt. Und das ist das Problem. Das Ambiente hat sich rumgesprochen, unter Touris aus aller Welt. Die Stadt ist nicht groß, der Kern besteht nur aus ein paar Straßen, einer Fußgängerzone und einer Mall. Nicht viel Platz für die unzähligen Touristen, die von einem Harry-Potter Drehort zum nächsten rennen. Dieser Zustand macht das Ganze etwas kaputt. Für den ein oder anderen vielleicht ein durchaus berechtigter Minuspunkt bei der Studienplatzwahl (sollte man überhaupt in der Situation sein, eine ernsthafte Chance auf einen Platz dort zu haben).

 

Ein weiterer Punkt, der die Fantasie vom Traumstudium in der romantischen britischen Kleinstadt etwas zunichtemacht ist der Folgende: „Etwas Negatives, damit muss man aber auch rechnen, ist der Leistungsdruck. Man ist mit sehr vielen sehr intelligenten Studenten zusammen und alle wollen natürlich immer die besten Noten erreichen und somit ist man selbst gezwungen, sehr viel Arbeit in Sachen reinzustecken; auch wenn diese  manchmal trivial oder langweilig erscheinen. Und man ist gezwungen, immer das Beste zu geben. Der Stoff selbst ist natürlich auch sehr anspruchsvoll, aber wie gesagt, jeder der sich bei Oxford bewirbt, muss auch damit rechnen, dass das so sein wird. 

 

Ansonsten ist es oft schwer, mit so vielen interessanten Leuten zusammen zu sein, in dem Sinne dass man oft Leute bemerkt, die viel besser sind als man selbst in sehr vielen Sachen. Damals in der Schule war es vielleicht noch so, dass jeder irgendwie seine eigenen Nischen hatte, und an der University of Oxford bemerkst du auf einmal all diese Leute, die aus allen Ecken der Welt kommen und sehr viel Interessantes schon gemacht haben. Natürlich vergleicht man sich mit denen und das kann dann leicht auf das Selbstwertgefühl gehen für manche Leute. Das ist vielleicht nicht für jeden etwas.“

 


von Catharina Bierl

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