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Von Osten nach Westen - Flucht aus der DDR

Evelyn Flach wuchs nach Kriegsende in der DDR auf.  1952 gelang ihr dann unter falschem Vorwand die Flucht mit ihren Eltern nach Westberlin. Wie Frau Flach die Zeit in Ostberlin wahrgenommen hat, erzählt sie mir im Interview:


Sie waren noch relativ jung als Sie in der DDR wohnten, wie hat man als Jugendliche die Politik und die Gesellschaft wahrgenommen? Haben auch die jungen Bewohner der DDR von der Überwachung gewusst und diese gefürchtet?


Doch, die Anspannung hat man gemerkt. Wenn dein Vater in der Partei war hattest du gewisse Privilegien, wie zum Beispiel auf eine höhere Schule zu gehen, was natürlich sehr wichtig war als Kind. Also du musstest schon „linientreu“ sein sozusagen und dadurch haben meine Eltern möglichst wenig über Politik gesprochen, weil sie eine andere Meinung hatten und damit mich auch nicht verraten. Als Kind rutscht einem ja schon das ein oder andere heraus. Deshalb würde ich sagen hat man das schon mitgekriegt.


Sie konnten mit ihren Eltern nach Westdeutschland fliehen. Mit welchen Ängsten und Sorgen war die Flucht verbunden und was war am schwersten zurückzulassen?


Am schwersten zurückzulassen war mein Hund, aber den hat man mir nachher noch nachgebracht, weil ich das sonst nicht verkraftet hätte. Was dann noch das Schlimme war, ich hatte auf der Schule Russisch und kam dann im Westen auf eine Schule und die lernten dort schon drei Jahre lang Englisch und das musste ich alles nachholen, was ich nie wirklich geschafft habe. Ich hinkte in der Schule immer hinterher. Es waren also schulische Ängste und dann kamen auch noch elterliche dazu: Findet mein Vater wieder eine adäquate Arbeit etc. ? Wir haben zunächst zu dritt in eineinhalb Zimmern gelebt. Es war schon alles sehr schwierig, aber meine Eltern haben immer versucht mir die Angst so weit es ging zu nehmen.


Wie waren die Westdeutschen gegenüber den Ostdeutschen eingestellt und wie wurden die Geflohenen empfangen?


Da habe ich nichts gemerkt, vielleicht weil es so kurz nach dem Kriegsende erst war. Die Leute waren nicht unbedingt aus dem Ort oder aus der Stadt, sondern wir waren in Berlin zusammengewürfelt aus verschiedenen Landkreisen und da hat man es für selbstverständlich genommen, dass man nicht aus Westberlin ist. Ich habe also nie etwas Negatives erfahren.


Als eine Person, die auf beiden Seiten der Mauer gewohnt hatte, welche Gefühle haben Sie empfunden als die Mauer gefallen ist?


Ich habe die Wiedervereinigung und den Fall der Mauer sehr positiv wahrgenommen. Ich habe mich sehr gefreut für meine damaligen Freunde aus der Grundschule, dass sie auch endlich mal rausdürfen. Sie waren durch die Mauer wie in einem Gefängnis gefangen und da habe ich mich sehr gefreut.


Tamara Sindel