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„Wenn wir uns schon ausbeuten lassen, dann machen wir das wenigstens selbst“

Sänger Mathias Bloech über Heisskalt, das neue Album und die Trennung von ihrem Label

Vor fast 10 Jahren gründeten Mathias Bloech, Marius Bornmann, Phillip Koch und Lucas Mayer, der ehemalige Bassist der Gruppe, in Böblingen bei Stuttgart die Band Heisskalt. Die drei leben mittlerweile von ihrer Musik und haben am 23. Mai ihr drittes Album „Idylle“ veröffentlicht, das es auf shop.heisskaltmusik.de nicht nur als CD oder Vinyl, sondern auch als kostenlosen Download gibt. Außerdem ist Heisskalt auch auf sämtlichen Streamingdiensten vertreten. Und alle, die Musik lieber live hören, können Heisskalt im Winter auf Tour sehen.
Im Zuge der Promophase für „Idylle“ hat Heisskalts Sänger Mathias einige Fragen zur Band und dem neuen Album beantwortet.


Wie seid ihr auf euren Namen gekommen

Gegensätze, Widersprüche. Das steckt da drin. Fanden wir gut. 


Habt ihr Angesichts der Tatsache, dass manche Leute zuerst denken, dass ihr „Eiskalt” heißt, schon einmal darüber nachgedacht, euren Namen zu ändern?

Wir haben schon oft darüber nachgedacht, haben es aber nie gemacht. Mein größtes Problem damit ist eine komische Deutschrock-Assoziation, die ja aber auch eine zeitlang ganz passend war. Gerade struggle ich ich damit, dass es ein Wortpaar ist, weil es mich ankotzt, dass die ganze Welt in Paaren organisiert zu sein scheint. Drin, draußen. Schwarz, weiß. Mann, Frau. Ich lasse mich gerade von ein paar Menschen "Thia" statt "Mathias" nennen, weil ich wissen will, was das mit meiner eigenen Wahrnehmung meiner Identität macht. Ich würde gerne mal bei jedem Konzert, für jeden Song einen anderen Künstlernamen wählen. Und in dem Buch "Planet der Habenichtse" werden die Namen bei der Menschen bei der Geburt von einem Computer zugewiesen und keine zwei Menschen haben gleichzeitig den gleichen Namen. Das fällt mir zum Thema Namen ein.


Euer neues Album „Idylle“ erschien am 23. Mai. Gibt es darauf Songs, die euch besonders am Herzen liegen und wenn ja, warum?

Alle. Wir haben nur Songs auf die Platte gelassen, die uns besonders am Herzen liegen. Als ich heute die Testpressung der Vinyl auf eventuelle Fehler überprüft habe, mochte ich "Tapas und Merlot" am liebsten. Mir gefiel die Stimmung. Die ist irgendwie ambivalent.


Ihr habt beschlossen, das Album in Eigenregie ohne Label, Vertrieb und Promo-Team herauszubringen und auch euren Merch verkauft ihr wieder selbst. Was hat euch dazu gebracht, diese Entscheidung zu treffen?

Unsere Erfahrungen mit Label, Vertrieb und Promo-Team. Wir wollten mal wieder mehr selbst machen und weniger kommunizieren. Bei den meisten Ideen geht dabei etwas verloren. Unsere Dreier-Konstellation ist irgendwie magic. Wir müssen nicht viel reden, wenn wir Musik machen oder Videos zusammen drehen. Das wollten wir ausnutzen.
Außerdem nervt uns, dass dieser Markt seine kleinen, dreckigen Fingerchen überall hin ausstreckt und Alles und Jeden seinen Regeln unterwirft. Plötzlich ist das usus und alle finden es okay. Da wollten wir einen Gegenentwurf anbieten als Band, die auch eine gewisse Reichweite hat. Es gibt ja super viele Bands, die den DIY Gedanken verfolgen. Das haben wir ja überhaupt nicht erfunden. Aber die machen das (im deutschsprachigen Raum) meist in einem etwas geringeren Umfang. Aber es tut uns sehr gut, viele Dinge wieder selbst zu tun. Wir lernen mehr dabei, wir haben intensive Erlebnisse und stärken unser Gefühl füreinander, anstatt genervt vor Bildschirmen zu hocken und zu bangen, wann wieder irgendwas aus dem Ruder läuft. Und wenn was aus dem Ruder läuft, dann haben wir es selber verbockt. Verantwortung für das zu übernehmen, was wir tun. Vielleicht ist das das Thema für uns bei "Idylle". 


Hat euer neuer Newsletter auf WhatsApp und Telegram etwas mit der Entscheidung, euer Album ohne Label zu veröffentlichen, zu tun oder hättet ihr auch mit Label ein Bandhandy besorgt, um noch schneller und direkter mit euren Fans kommunizieren zu können?

Das war unabhängig davon einfach eine Idee und wir haben das gemacht. Mit Label hätten wir das vielleicht auch gemacht. Aber dann hätten die bestimmt mitreden wollen bei den Inhalten und Timings. Und trotzdem hätten wir es selbst gemacht. Und trotzdem hätte das Label den gleichen Share bekommen und gleich viel an ein Promo-Team gezahlt. Wir wollen so nicht mehr arbeiten. Wenn wir uns schon ausbeuten lassen, dann tun wir das wenigstens selbst und genau so, wie wir wollen!


In eurem Song „Bürgerliche Herkunft“ macht ihr durch die Metapher der zwei Möhren auf die Beschränktheit der Gesellschaft aufmerksam und auch in der Promophase für eure letzte Tour wurde dieses Symbol wieder aufgegriffen. Gibt es einen Grund dafür, dass ihr ausgerechnet Möhren gewählt habt?

Den ersten Satz in "Bürgerliche Herkunft" (Anmerkung: „Zwei Möhren, das geht nicht, die gibt es nur im Bund oder als Kilo“) hat die Kassiererin im Netto beim Studio gesagt, als eine Person vor uns in der Schlange zwei Möhren kaufen wollte. Ich finde sowohl den Satz, aber auch den Ort und die Menschen dort sinnbildlich dafür, mit was für einem Blödsinn sich die meisten Menschen eigentlich Tagein Tagaus auseinandersetzen. Die ganze Zeit auf der Benutzeroberfläche. So wenig Wille, Zusammenhänge wirklich zu verstehen. Und trotzdem sind die total unzufrieden und voller Hass. Der Song ist aber auch selbstironisch. Ich sehe da im Chorus immer so ein Rumpelstilzchen herumhüpfen. Ich versteh den selber nicht so ganz, vielleicht kommt das noch. 
Die Möhren hat Phil im Studio gemalt und wir mochten die Idee, sie als Symbol zu verwenden. Wir hatten ja lange vorher diesen Blitz. Das ist so classic "Rock, Strom, Gewalt, Gewitter, Arrr, Männer auf der Bühne, Raaaar". Wir versuchen gerade, die Kategorien zu hinterfragen, die uns üblicherweise so angeboten werden. Warum nicht zwei Möhren? Warum nicht pink? Warum nicht mehrere Menschen lieben? Warum nicht mal den Namen ändern? Warum nicht das Konstrukt "Geld" oder "Staat" hinterfragen? Das ist ganz einfach, macht gute Laune und Lust auf mehr. 


Was ist die schönste Erinnerung, die ihr an eins eurer Konzerte habt?

Ich erinnere mich nicht an einzelne Konzerte. Meine Erinnerung funktioniert eher spiralförmig und assoziativ. Das wird alles zu einem Konzert, wenn ich darüber nachdenke. Aber unsere Jahresabschluss-Shows in Stuttgart machen immer richtig viel Spaß!


Die Festivalsaison ist gerade mal wieder in vollem Gange. Auf welche Shows freut ihr euch am meisten?

Ich versuche mich auf alle Shows so sehr zu freuen, wie ich kann. Als nächstes ist das Southside dran. Dieses Jahr haben die uns gefragt, ob wir spielen wollen. Das fand ich cool. 


Gibt es Fans oder Erlebnisse mit Fans, an die ihr euch besonders erinnert

Ja. Aber ich denke es wäre komisch, die hier so öffentlich zu erzählen.


Viele eurer Fans lieben die Songs von „Mit Liebe Gebraut“ und auch auf euren Konzerten sind diese Lieder bzw. Medleys daraus sehr beliebt. Was haltet ihr davon, dass relativ alte Songs, seit deren Erscheinen sich eure Band weiterentwickelt hat, so beliebt sind? Und was könnte eurer Meinung nach ein Grund dafür sein?

Na die sind halt einfacher zu verstehen und kommen weniger kantig und abgründig daher. Ich glaube, die meisten Menschen hören Musik aus ganz anderen Gründen, als ich sie höre. Wir haben damals auch mehr Musik für einen Markt gemacht, als wir das heute tun. Jetzt machen wir sie für uns und weil wir was damit sagen wollen. Aber wenn du aus Stuttgart kommst und überall Workshops zum Thema Songwriting und Musikvermarktung hast, dann musst du dir das erstmal beibringen. Neulich habe ich zwei Personen nach unserer Show geraten, sich eine andere Lieblingsband zu suchen, weil sie total frustriert darüber waren, dass wir schon wieder eine ganz andere Platte gemacht haben. Aber genau darum gehts doch! Wir verändern uns halt. Leben ist doch Veränderung. Mir sind Leute und Bands extrem suspekt, die die ganze Zeit das gleiche machen oder das gleiche reden oder das gleiche fühlen oder gleich aussehen. Klar - eine gewisse Ruhe in den Dingen ist sicherlich eine gute Sache. Aber ich funktioniere so nicht. 
Aber ich beginne, unsere alten Songs wieder mehr zu mögen. Das ist wie mit so Klamotten. Ich benutze jetzt meinen alten Rucksack, den ich 20 Jahre lang total hässlich fand wieder als Babyrucksack für unsere Tochter und finde ihn hammer und werde ständig neidisch darauf angesprochen. Das finde ich eigentlich auch das aller komischste Phänomen im Zusammenhang "alte Dinge". Erst ist alles kurz fresh und neu und aufregend, dann ist es irgendwie langweilig für eine ganze Zeit und irgendwann überschreiten die Dinge so einen kritischen Punkt. Dann ist es irgendwie bewährt und gut und alt und zuverlässig usw. In fünf Jahren ist "Hallo" so ein Song. Da freu ich mich schon drauf!


Wer jetzt mehr von Heisskalt hören möchte, kann „Idylle“ als CD oder Vinyl auf shop.heisskaltmusik.de kaufen oder kostenlos downloaden und die Musik der Band auf sämtlichen Streamingdiensten anhören. 




Teresa Kuntzsch

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