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Prüfungswahn in Südkorea

„Noch 240 Tage“ steht in großen Buchstaben an der Wand geschrieben. Ein Countdown, der jeden Tag erneuert wird, erinnert die Schüler eines privaten Internats an ihr Ziel. Die Aufnahmeprüfung für die Universitäten Koreas. Diese findet jedes Jahr statt und muss von allen absolviert werden. Die gesamte Schullaufbahn ist auf diese eine Prüfung ausgelegt. Die Zulassung an einer guten Universität ist extrem wichtig für die Schüler, fast noch wichtiger als das Studienfach selbst. Viele haben sich selbst große Ziele gesteckt. Die Aufnahme an einer der Top drei Unis in ganz Korea. Die Bewertung ist streng, eine falsche Antwort kann entscheidend sein. Nur mit perfekten Noten wird man zugelassen. Weniger als 1% aller Bewerber schaffen das auch tatsächlich. Und trotzdem kommen bei diesen Unis jährlich mehrere hunderttausend Bewerbungen an. Soziales Ansehen versprechen sich die Schüler dadurch, einen guten Job und die Liebe der Eltern.

Die erfolgreiche Schullaufbahn eines koreanischen Schülers beginnt schon in der Grundschule mit viel Arbeit. Während ihrer gesamten Schulzeit kommen die Kinder und Jugendlichen oft nicht vor 23 Uhr abends nach Hause, dann müssen sie allerdings noch ihre Hausaufgaben erledigen. 
Nach dem Unterricht nehmen die Schüler Nachhilfestunden und zahlen dafür oft horrende Summen. Umgerechnet 1.500 € monatliche Gebühren sind hier nicht unüblich. Koreas Nachhilfebranche boomt. Eltern sind bereit, viel Geld zu zahlen für den Erfolg ihrer Kinder. So entstehen ganze Straßen der privaten Nachhilfe, in denen sich ein Institut ans nächste reiht. Nachhilfelehrer werden wie Popstars behandelt. Sie werben mit neuen Methoden und lang ersehntem Erfolg in bestimmten Fächern. 

Seit den 90er Jahren steigt der Leitungsdruck in Korea kontinuierlich an. Die Noten der Zwischen- und Abschlussprüfungen werden in Listen öffentlich ausgehängt und in landesweiten Rankings verglichen. Der steigende Druck auf junge Leute macht sich auch anders bemerkbar. 
Südkorea hat eine der höchsten Selbstmordraten unter den entwickelten Ländern. Selbstmord ist die Todesursache Nummer eins für Jugendliche zwischen 15 und 24.
Es sind wohl alle mit dem Klischee der asiatischen Eltern vertraut, die von ihren Kinder nur guten Noten erwarten. Auch wenn das wohl nicht aus der Luft gegriffen ist, sind es oft die Schüler selbst, die sich solch hohe Ziele setzen. Viele finden ihre Noten und Zeugnisse wichtiger als Freunde oder gar einen Familienurlaub.
Schafft man beim ersten Mal nicht die gewünschte Note, kann man den Test im nächsten Jahr wiederholen. 

Viele Schüler entschließen sich dazu, ein privates Internat für Prüfungswiederholer zu besuchen. Dort verbringen sie neun Monate lang jeden Tag mit den Vorbereitungen auf die Aufnahmeprüfung. Besonders schwer tun sich viele Schüler mit Englisch, da diese Sprache absolut keine Gemeinsamkeiten mit ihrer eigenen hat. Mit Hilfe von Hörbeispielen und Videos versuchen die Schüler sich zu verbessern. Aber auch ein solches Internat ist keine Garantie für die gewünschten Ergebnisse. 

Die Prüfung selbst ist ein großes Ereignis in Korea. Auf dem Weg ins Prüfungsgebäude werden die Prüflinge von ihren jüngeren Mitschülern bejubelt, beklatscht und mit Glückwünschen überhäuft. Anders als bei uns finden in Korea die Aufnahmeprüfungen zu allen Fächern an einem Tag statt. Doch nicht nur für die Prüflinge ist dieser Tag besonders, auch der Rest des Landes muss Rücksicht nehmen. Im Umkreis von 200 m um jeden der ca. 1.200 Prüfungsorte wird eine Sperre errichtet. Büros und Geschäfte öffnen eine Stunde später und zeitweise werden sogar Flugzeuge am Start gehindert, um Lärm zu vermeiden. Dass auch ja kein Schüler zu spät kommt, kann dieser im Zweifelsfall sogar den Notruf wählen und wird dann mit Blaulicht von der Polizei zum Prüfungsort gefahren. 
Die Testlösungen werden noch am selben Abend herausgegeben, sodass die Teilnehmer sich gleich einschätzen können. Wer dann noch zusätzlich seine Chancen auf den bestmöglichen Uniplatz erhöhen will, kann für 800 € einen Experten anheuern, der einem dabei hilft. Für alle anderen, die nicht mit ihrem Ergebnis zufrieden sind, bleibt nur noch eine Möglichkeit: den Test zu wiederholen. So geht für viele der Stress wieder von vorne los. 

Neues Jahr, neues Glück.

포기 하지마 

Von Julia Ohnesorg

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