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„Aber nur ohne euren Flüchtling!“

Zu besonderen Anlässen trägt Shahed sein traditionell Afgahnisches Gewand wie selbstverständlich. Nicht nur er, sondern auch seine deutschen Eltern haben durch das gemeinsame leben eine neue Kultur kennenlernen dürfen. Auf dem Bild sieht man die Ordner mit allen Dokumenten, die sich bisher zu seinem Asylverfahren angesammelt haben.

Eine meiner Verwandten hat Shahed, einen jungen Flüchtling aus Afghanistan, aufgenommen.


Es ist der 80. Geburtstag meines Opas, nach einer dreistündigen Fahrt komme ich mit meiner Familie in Unterfranken an. Alles ist wie immer, wir begrüßen und umarmen uns und gratulieren, Bussi rechts und links, dann los zum Restaurant, wo die restliche Verwandtschaft wartet. Die Begeisterung hält sich bei meinen Geschwistern und mir in Grenzen, denn wir sind die einzigen jungen Leute, die da sein werden. Der Altersdurchschnitt liegt gefühlt bei mindestens 60. Wir stellen uns schon auf einen langen, ereignislosen Nachmittag ein. Doch dann die Überraschung: Es gibt ein neues Familienmitglied, und dann auch noch in unserem Alter. Eine Verwandte hat mit ihrem Mann zusammen einen jungen Flüchtling aus Afghanistan aufgenommen. 


Wir reden den ganzen Nachmittag mit der dreiköpfigen Familie. Was sie erzählen, klingt so unglaublich, dass ich irgendwann frage, ob ich über Shahed schreiben darf. Er ist sofort einverstanden und lässt sich begeistert interviewen.


Shahed ist 18 und lebt seit zwei Jahren in Deutschland. Mit 16 floh er aus Afghanistan vor Gewalt und Terror durch die Taliban. Seine Reise dauerte drei Monate. Teilweise zu Fuß, teilweise durch Mitfahrgelegenheiten legte er tausende Kilometer zurück und durchquerte sechs Länder. Mithilfe der Unterstützung durch seine Familie in Afghanistan und Freunde konnte Shahed iranische Schleuser bezahlen, die ihn über Pakistan und Iran bis in die Türkei brachten. Dort überquerten sie in einer Gruppe von über 30 Personen die streng gesicherte Grenze, eine Nacht lang liefen sie durch Waldgebiet. Wer zurück blieb, wurde zurück gelassen. In Bulgarien angekommen entdeckte man sie, Shahed musste einen Monat lang ins Gefängnis wegen illegaler Überquerung der Grenze. 


Wenn er von Bulgarien spricht, klingt Shahed anders. Die Erinnerung scheint unangenehme Gefühle auszulösen. Nachdem er wieder frei war, reiste er über Rumänien nach Ungarn. Er und die Gruppe wurden in ein Auto gesetzt. Nach einer Nacht stiegen sie in München wieder aus dem Auto aus, die Polizei registrierte sie. 


Hier begann für ihn eine Zeit voller deutscher Bürokratie und ständigem Residenzwechsel. Nach nur  vier Tagen im Erstaufnahmelager und der dortigen Datenaufnahme wurde er nach Würzburg gebracht, wo er drei Monate blieb. Schließlich kam er in ein Jugendlager in Thüngersheim. Hier traf er zum ersten Mal Maria und Günter über eine Theatergruppe und verstand sich sofort gut mit dem Paar. Er verbrachte immer mehr Zeit mit den beiden, doch schließlich wurde er nach Aub, eine sehr kleine Gemeinde, in eine riesige Gemeinschaftsunterkunft für erwachsene Flüchtlinge verlegt, obwohl er noch minderjährig war. So oft es möglich war, versuchte er, den unwürdigen Zuständen in dem alten Schloss zu entkommen und besuchte Maria und Günter. Irgendwann besuchten die beiden ihn schließlich dort und leiteten damit eine Wende für ihn ein. Schockiert von dem überfüllten Schloss, das keine Betreuung oder Ähnliches für den Minderjährigen bot, beschlossen sie, Shahed s

bei sich aufzunehmen. Was eigentlich eine unglaubliche Unterstützung für den Staat sein könnte, stellte sich als langatmiger Kampf mit Behörden heraus. Sehr viel Zeit, Geld und ein eigener Anwalt waren notwendig. w


21. Januar 2016.

Mit Stolz nennt Shahed mir dieses Datum, seit dem er die Erlaubnis hat, bei Maria und Günter zu wohnen. 


Maria, Shaheds „Mama in Deutschland“ , wie er sie liebevoll nennt, berichtet von Ämtern, die den jungen Flüchting einfach abwimmeln und erst durch ihr vehementes Nachfragen seine Anträge bearbeiten. Je mehr sie erzählt, desto mehr frage ich mich, was alle Flüchtlinge tun, die keine deutschen Erwachsenen haben, also niemanden, der unser Rechtssystem kennt und dazu noch bereit ist, so viel Zeit, Energie und Geld in einen Menschen zu investieren. Was das Paar für Shahed tut, ist unglaublich, bewundernswert, zeigt, was der Junge für sie bedeutet: Er ist wie ihr Sohn. Wenn man mit Maria, Günter und Shahed redet, wird schnell klar, was für ein Unsinn und wie unzutreffend die Vorwürfe vieler Menschen hier sind, die behaupten, Flüchtlingen in Deutschland werde es zu viel zu leicht gemacht.


Das Beispiel von Shahed zeigt, wie wichtig der Kontakt zwischen Einheimischen und Flüchtlingen ist, wie schnell und gut ein junger Flüchtling in einer deutschen Familie lernen kann, wenn er nur darf. Der 19-Jährige weiß, was hier erlaubt ist und was nicht. Er ist freundlich und offen, beantwortet ohne zu zögern alle Fragen. 

Ein bisschen aufgeregt erzählt er mir, dass sie in der Schule diese Woche über die Homo-Ehe gesprochen haben. In Afghanistan redet man nicht über solche Themen. Er ist froh, dass Deutschland in vielerlei Hinsicht ein so ein tolerantes Land ist. 


„Gibt es etwas, was dir hier überhaupt nicht gefällt?“, frage ich Shahed. Er überlegt lange. „Eigentlich nicht.“, antwortet er. 

Ich hake noch einmal nach. „Aber es muss doch irgendetwas hier geben, was du nicht gut findest?“  Er lacht. „‚Sprich Deutsch!’. Das sagen die Leute hier so oft, wenn ich mit meinen Freunden rede. Aber wenn du mit deinen Freunden in einem anderen Land bist, sprichst du doch trotzdem auch in deiner Muttersprache mit denen, oder? Und auch die ganze Bürokratie, die ist echt anstrengend. Für alles braucht man ein Formular und einen Termin. Das habe ich in Afghanistan nie erlebt. Da kommt man zu jemandem und dann ist man da. Hier ruft man erst an und fragt, wann Zeit ist, wo man sich trifft... .“


Am meisten überrascht mich seine Antwort auf die Frage, was ihn in seinem Leben am meisten verändert hat. Er sagt nichts über seine Flucht selbst, wie ich es eigentlich erwarte. Stattdessen kommt voller Überzeugung: „Schule. In der Schule lernst du so viel, viel mehr als du dir jemals selbst beibringen kannst.“ In Afghanistan hat Shahed nie eine Schule besucht. Bereits mit sechs Jahren verkaufte er Kleinigkeiten wie Wasser oder Snacks auf der Straße. Später arbeitete er in einer Werkstatt, in der Reperaturen verschiedenster Arten durchgeführt wurden.  

In seinem Ort gab es überhaupt keine Schule, kein Internet, schlichtweg keinen Zugang zu Bildung.


Auf die Frage „Was ist typisch deutsch?“ bekomme ich eine ebenso typische Antwort: „Kartoffeln und Bratwurst.“


Das Gespräch wird wieder ernster, als ich ihn frage, wovor er Angst hat. „Vor Leuten, die gegen Flüchtlinge sind. Die alle aus Deutschland vertreiben wollen. Einmal hat ein Verwandter von Maria behauptet, ich hätte sein Fahrrad geklaut. Ich glaube, er war angetrunken. Ich mag keinen Alkohol, die Leute werden davon aggressiv und wissen nicht mehr, was sie tun.“ 

Später erzählt Maria, wie unterschiedlich die Reaktionen in ihrer Familie waren, als sie und Günter Shahed bei sich aufnahmen. Von den einen bekamen sie viel Zuspruch und Unterstützung, die anderen haben den Kontakt abgebrochen oder wollen sie und Günter nur „ohne ihren Flüchtling“ zu Familienfeiern einladen. Zum Glück bewundern viele den Einsatz der beiden, stehen voll hinter ihnen und freuen sich über Shahed nicht nur als Gast, sondern als neues Familienmitglied. 



Im Moment hat Shahed eine Aufenthaltsgenehmigung für ein Jahr, er muss sie immer wieder erneuern lassen. Sein größter Wunsch ist ein Ausbildungsplatz, der ihm einen unbefristeten Aufenthalt ermöglichen würde. Trotz dieser Unsicherheiten im Bezug auf seine Zukunft wirkt er zufrieden. Es geht ihm gut, er hat viele Freunde und eine neue Familie gefunden, die ihn unterstütztund ihm Rückhalt bietet. Die Schule macht Spaß, obwohl alles neu und vieles sehr schwer für ihn ist. Shahed spielt Kricket, eine der bekanntesten Sportarten in Afghanistan. Inzwischen kennt er sich in Deutschland aus, versteht das Land und die Sprache, gleichzeitig bringt er seinem Umfeld auch die Kultur seiner Heimat nahe. Er kocht regelmäßig afghanisch, betet weiterhin fünfmal am Tag und trägt zu besonderen Anlässen ein traditionelles afghanisches Gewand, genauso selbstverständlich wie Bayern ihre Tracht tragen.



Luisa Eschenbacher

In der Schule hat Shahed ein Plakat über sein Leben in Deutschland gestaltet.

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