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Schule? Nicht so!

Mittwoch, 7:10 Uhr, Haunstetterstraße: Eine riesige Masse an Schülern steigt aus den beiden ankommenden Zügen. Lustlose, müde und genervte Gesichter blicken jedem entgegen. Sie trotten die Stufen hinab zur Straßenbahnhaltestelle und warten, bis die Nächste sie zur Schule bringt. Die kleinen Fünft- und Sechstklässler lachen und kichern, bis sie irgendein genervter Oberstüfler anschaut und die Musik, die aus seinen Kopfhörern schallt, noch eine Stufe lauter macht. Gute Laune zu sehen ist das letzte, was jeder älterer Schüler am frühen morgen brauchen kann, schließlich sind sie noch müde vom späten Lernen. 


Viele ältere Schüler schauen gerne auf ihre ersten Schuljahre zurück. Damals war das Leben noch so viel einfacher. In der Schule hat man wirklich noch etwas sinnvolles gelernt und hatte auch noch Freude und Spaß dabei. Am Nachmittag hat man mit seinen Freunden die Welt erkundet. Jetzt erkunden wir die Welt von unserem Schreibtisch aus, von Gandhi über Goethe und Schiller bis hin zu Bismarck. Damit verbringen wir unsere Nachmittage und Wochenenden. Wirklich Freude am lernen hat da keiner mehr. Ab und zu haben wir kleine Lichtblicke, in denen es fast wieder Spaß macht in der Schule zu sein, wie zum Beispiel kleine Versuche in Biologie oder Chemie. 

Aber das passiert auch nur alle paar Monate. Wir haben vergessen, dass Lernen eigentlich Spaß macht, aber vielleicht hat uns auch nie jemand beigebracht, wie cool lernen sein kann. 


Etwas später in einem Gymnasium in Augsburg: Die 11. Klassen behandeln verschiedene Themen, wie Wirtschaftszyklen, Familienstrukturen der verschieden Epochen, Gedichtinterpretationen, erneuerbare Energien und so weiter. Der Unterrichtsaufbau ist klar, in Stillarbeit lesen sie ein paar Texte zum Thema, geben den Inhalt mehr oder weniger wörtlich wieder und in den Worten des Lehrers wird daraus schließlich ein Hefteintrag; aus der Sicht eines deutschen Lehrers des 21. Jahrhunderts. Einige mutige Schüler hinterfragen seine und andere Meinungen zu den Themen und werden mehr oder weniger harsch abgewiesen. Eigene Meinungen, so scheint es, sind hier fehl am Platz. In der Abfrage in der nächsten Stunde sollte man besser den Eintrag im genauen Wortlaut wiedergeben können, sonst werden es sicher keine 13-15 Punkte.


Schüler pauken nach Plan. Ihnen wird vorgeschrieben, was sie sich wann in welcher Geschwindigkeit zu merken haben und wie lange. Es ist nichts anderes als die Fakten auswendig zu lernen und zu beherrschen, das Verstehen ist zweitrangig. Den Stoff fressen und wieder hoch würgen, das ist Bulimie-Lernen. Und das in der Intensität, dass es Vielen schadet. Jeder dritte Schüler leidet, laut einer Studie der Welt unter Schulstress, bei Mädchen ist es besonders schlimm. Etwa 40% haben mehrmals in der Woche körperliche oder psychische Beschwerden. Ihnen wird gesagt, dass sie ihre Probleme aktiv angehen sollen. 


Gut, dann gehen wir das Problem mal aktiv an. Das Problem ist ein veraltetes Schulsystem, ohne die finanziellen und personellen Mittel, die es bräuchte; ein Schulsystem, in dem die Personen, um die es geht, nichts zu sagen haben. Das ist im Prinzip eine Oligarchie. Ein paar Leute im Kultusministerium entscheiden, wie Kinder zu lernen haben, auch wenn sie selbst schon lang vergessen haben, was es heißt, Kind zu sein. Wir leben aber in keiner Oligarchie, sondern in einer Demokratie. Und die lebt davon, dass unterschiedliche Gruppen einbezogen werden und sich über ihre Haltungen und Meinungen austauschen. Und niemand weiß besser, was im Bildungssystem falsch läuft, als die, die mitten drin stecken, die Schülerinnen und Schüler der Bundesrepublik. Sie brauchen die Möglichkeit, ihre Bildung mitgestalten zu dürfen, denn das ist echte Demokratie.

Dann wären die älteren Schüler morgens vielleicht auch viel besser drauf und würden wieder mit den Jüngeren lachen. 



Eva Stadler