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Die Liebesgeschichte vor 66 Jahren, die mein Leben überhaupt erst beginnen ließ...

 

„Ein Sonntag ohne Dich, meine liebe Lilli, ist für mich wie ein Tag ohne Sonne.“ (aus dem Liebesbrief von Hans Hartmann an Lilli Aumiller, Eurasburg, Brief vom 16.06.1952)


Meine liebste Lilli – diese Anfangsworte lassen sich in jedem Brief meines Großvaters wiederfinden. Über ein ganzes Jahr lang schrieb mein Großvater Hans Hartmann fast jeden Tag aufs Neue einen Brief an meine Großmutter Lilli Aumiller. Gegenwärtig würde man sagen „Briefe schreiben ist total veraltet in der heutigen Welt der Digitalisierung“, doch ein Fazit kann ich ziehen, nachdem ich inzwischen fast alle Liebesbriefe gelesen habe. Nein,es ist nicht veraltet, denn jeden einzelnen Brief hat sie aufbewahrt. Wort für Wort, kann man auch fast 70 Jahre später noch lesen und Zeile für Zeile - kommen erneut die Tränen. Es war die reinste Poesie, die er für sie in sauberster Schrift verfasste. Doch was ist überhaupt Poesie? Sie ist unter anderem, einer der wichtigsten Begriffe in der Literaturwelt. Allgemein definiert versteht man unter Poesie (griechisch: „Die Dichtung“), die Kunstart, die mit Phantasie die Ausdrucksmöglichkeiten der Sprache einsetzt, um dem Zuhörer oder Leser, Lebens-, Welterfahrungen und -deutungen näher zu bringen.

 

 

Wir schreiben das Jahr 1951. Mein Großvater wächst in einem Getreidehandel auf, der seinen Sitz in Eurasburg hat, einem kleinen Dorf zwischen München und Augsburg. Dieser Handelsbetrieb kauft aus umliegenden Dörfern von Landwirten ein, unter anderem von einem Landwirt aus Merching, einem Bauernhof namens Aumiller. Der Metzger Aumiller, der Vater von Lilli Aumiller, ist ein Bruder des Landwirtes Aumiller. Diese Metzgerei ist so ziemlich eine der Ersten weit und breit, die im Besitz eines Telefons sind, ebenso der Getreidehandel.  So kommt es, dass der Kaufmann Hartmann bei der Metzgerei Aumiller anruft, man möge dem Landwirt ausrichten, dass morgen das Getreide bei ihm abgeholt wird. Um diese Nachricht zu übermitteln, schickt der Metzgermeister seine Tochter Lilli in den Hof des Onkels. Als Entschädigung für diesen Aufwand, solle laut dem Metzger eine Flasche Wein „herausspringen“. So trägt es sich also zu, dass Hans Hartmann in der folgenden Woche die Metzgerei besuchte, um die geforderte Flasche Wein abzugeben. Und da stand sie – Lilli!

In dem gleichen Moment als Hans also Lilli sieht, verliebt er sich unsterblich und wusste, diese Frau muss ihr Leben an seiner Seite verbringen. Menschen, die fern von romantischen Vorstellungen leben, werden dies wohl verabscheuen und erwidern, dass so etwas wie „Liebe auf den ersten Blick“ nicht existiert, doch sie war es –

„Die Liebe auf den ersten Blick“.

Es war der Anfang der Liebesgeschichte vor 66 Jahren, die mein Leben überhaupt erst beginnen ließ. Hans kaufte jedes Mal, wenn er nur durch Merching fuhr, Wurstwaren in der Metzgerei  Aumiller. Lillis Vater jedoch, wies Lilli immer wieder aufs Neue darauf hin, dass Hans „keiner“ für Lilli sei. Doch es ist auch ihr mehr als nur egal, denn auch für sie ist es die große Liebe.


Wir machen nun einen Sprung in die Gegenwart. Vermacht hat meine Großmutter uns das womöglich großartigste Geschenk, was sie uns nur hätte machen können. Sie gab uns die wohl schönste Liebesgeschichte aller Zeiten, zumindest in meiner Zeit. Briefe, die sich über eineinhalb Jahre hinzogen. Aber nicht nur das, sondern kurz nach dem Tod ihrer großen Liebe, zeigte sie ihren vier Töchtern den Schönsten von allen Briefen. Es war eine beschriebene Rolle, 10 Meter lang, eine Liebeserklärung geschrieben aus tiefstem Herzen. Eine Rolle, die sie ewig aufbewahrt hatte, sowohl im Herzen, als auch stets so, dass nur sie und er davon wussten. Er schrieb damals, er würde sich mit diesem Brief einen Scherz erlauben, doch letzten Endes waren es die drei elementaren Worte, die jedes Leben verändern können, die er in diesem Brief der besonderen Art verfasst hat.

12 Buchstaben, 3 Worte und 4 Silben: „Ich liebe dich.“


Anfangs dieses Artikels wird erwähnt, es sei die reinste Poesie, die diese Briefe beinhalteten. Um diese Behauptung, dass es die ,,reinste Poesie" sei, zu bestätigen, kann man mit der oben genannten Definition des Begriffes ,,Poesie" schlussfolgern, dass sich dies bewahrheitet. Denn mein Großvater hat all ihre Lebens-, Welterfahrungen und

-deutungen verändert, ihr neue näher gebracht und ihr Leben um Liebe bereichert. Und wie einst Johann Wolfgang von Goethe, einer der bedeutendsten Repräsentanten deutschsprachiger Dichtung sprach, gewährt in einem Augenblick die Liebe, was Mühe kaum in langer Zeit erreicht. Das ist genau der springende Punkt! Mein Großvater hatte diese Augenblicke festgehalten, in jedem einzelnen seiner Liebesbriefe.

Herzlich grüßt und auf ein baldiges Wiedersehen - dein Hans.


Lena Osterried

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