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Kritik an der Kritik - #MeToo

„Die Freiheit zu belästigen ist unerlässlich für die sexuelle Freiheit.“ Oder anders gesagt, damit man seine Sexualität ohne gesellschaftliche Normen oder Zwänge ausleben kann, muss es möglich sein, andere Menschen zu belästigen. Diese Meinung vertraten die Autoren eines offenen Briefes gegen #MeToo in der französischen Zeitung LeMonde. Doch wie kam es eigentlich zu dieser Äußerung und was hat es damit auf sich?


Schon seit Jahren gab es in Hollywood Gerüchte darüber, dass Harvey Weinstein seine Macht in der Filmindustrie ausnutzen würde, um sexuelle Befriedigung zu erhalten. Am 05. Oktober 2017 wurde in der New York Times ein Artikel veröffentlicht, in dem er beschuldigt wurde, über drei Dekaden lang Frauen sexuell belästigt zu haben. Nach dem Erscheinen mehrerer Artikel in der New York Times und in The New Yorker beschuldigten mehr als 80 Frauen, darunter beispielsweise Angelina Jolie und Cara Delevingne, Weinstein der sexuellen Belästigung oder Nötigung. Ein paar der Frauen bezichtigten Weinstein außerdem der Vergewaltigung.


Nachdem dieser Skandal an die Öffentlichkeit gedrungen war, forderte die Schauspielerin Alyssa Milano auf Twitter Frauen dazu auf, #MeToo zu schreiben, wenn sie schon einmal Opfer von sexuellen Überbegriffen oder sexueller Belästigung waren. Mit dieser Aktion wollte sie verdeutlichen, wie häufig so etwas geschehe. Seit ihrem Tweet am 15. Oktober wurde der Hashtag millionenfach geteilt.


Auch einige Männer benutzten #MeToo, um über ihre Erlebnisse zu sprechen, die leider oft von Gesellschaft und Medien noch weniger ernst genommen werden. Die Journalistin Alexis Benveniste erinnerte in diesem Tweet außerdem daran, dass Opfer von sexueller Belästigung nicht dazu verpflichtet seien, über ihre Geschichte zu sprechen.


Auch ein halbes Jahr nach dem Weinstein-Skandal ist #MeToo noch aktuell. Bei der Preisverleihung der 75. Golden Globes am 07. Januar trugen fast alle der weiblichen und außerdem ein paar der männlichen Stars schwarz, um ihre Trauer und Solidarität auszudrücken.


Am 09. Januar veröffentlichte die französische Zeitung Le Monde einen öffentlichen Brief gegen die #MeToo-Bewegung, der von 100 Frauen unterzeichnet wurden. In diesem Text wurde die Kritik geäußert, dass die Bewegung schuld daran sei, dass beschuldigte Männer - ohne eine Chance auf Verteidigung zu haben - auf eine Stufe mit Sexualstraftätern gestellt werden. Sie kritisieren, dass Männer ihren Job verloren haben oder zurück treten mussten, nur weil sie ein Knie berührten oder versuchten, einen Kuss zu bekommen. Hier stellt sich allerdings die Frage, ob es wirklich so schwer ist, einen anderen Menschen einfach nicht zu berühren, wenn man nicht weiß, ob diese andere Person damit einverstanden ist, oder warum manche Menschen denken, dass es okay sei, einen Kuss „erzwingen“ zu wollen.


Ein weiterer Kritikpunkt des Briefes ist es, dass einige Verleger nun verlangen würden, Männer als weniger sexistisch darzustellen. Dabei ist es doch eigentlich etwas Gutes, wenn Sexismus nicht mehr romantisiert oder als etwas, das Männer einfach in sich haben, dargestellt wird; durch in den Medien als sexistisch dargestellte Männer entsteht zu leicht ein schlechtes Vorbild, mit dem Sexisten versuchen könnten, ihr Verhalten zu legitimieren.


Außerdem sprechen die Frauen sich gegen ein neues Gesetz in Schweden aus, das angeblich besagt, dass vor jedem Geschlechtsverkehr eine ausdrückliche Zustimmung eingeholt werden muss. Die Autoren versuchen das Gesetz ins Lächerliche zu ziehen, indem sie einen Ausblick in eine Zukunft, in der vor jedem Geschlechtsverkehr gemeinsam ein Dokument erstellt werden muss, in dem die Beteiligten Praktiken ausdrücklich zustimmen oder sie ablehnen, schreiben. Dabei sagt das Gesetz in Wirklichkeit nur aus, dass Sex ohne Zustimmung illegal ist; Dies ist eindeutig der Fall, wenn eine Person durch Gewalt oder Misshandlung zum Sex gezwungen wird, sich auf Grund von Angst oder Trunkenheit in einer schwachen Position befindet oder der Täter ausnutzt, dass die Person sich dem Täter gegenüber in einem Abhängigkeitsverhältnis befindet.


In ihrem Text schreiben die Autoren, sie würden „eine Freiheit zu belästigen als unerlässlich für die sexuelle Freiheit“ verteidigen, da sie „aufgeklärt genug“ seien, um zu wissen, dass der Sexualtrieb von Natur aus wild sei, aber auch „scharfsichtig genug“ seien, um unangemessenes Flirten nicht mit sexueller Gewalt zu verwechseln. Durch die Wortwahl wird dabei impliziert, dass Anhänger der #MeToo Bewegung in gewisser Weise dümmer oder ungebildeter als die Autoren und deren Unterstützer seien. Aber ganz abgesehen von der Respektlosigkeit dieser Äußerungen stellt sich nach diesen Aussagen die Frage, auf welch seltsame Weise diese Frauen bitte flirten, wenn sie dabei sexuelle Belästigung als okay ansehen und der Meinung sind, dass Menschen das Recht zur Belästigung haben. Schließlich handelt es sich dabei um konkretes sexuelles Verhalten, das unerwünscht ist und durch das sich Personen in ihrer Würde verletzt fühlen. Nicht gerade eine erfolgreiche Flirttaktik.


Eine weitere Aussage des Briefes besagt, dass Frauen es durchaus genießen können, das Sexobjekt eines Mannes zu sein, ohne eine „Schlampe“ zu sein. Damit fassen die Autoren ziemlich treffend eine Aussage des Feminismus’, gegen den sie sich eigentlich aussprechen wollen, zusammen. Niemand, der sich selbst aufrichtig als Feminist sieht und bezeichnet, will Frauen das Recht zum Ausleben ihrer Sexualität absprechen. Ganz im Gegenteil, der Feminismus setzt sich dafür ein, dass Frauen so sexuell sein können, wie sie es wollen, ohne dafür verurteilt zu werden. Allerdings können die Autoren des Textes anderen Menschen nicht vorschreiben, wie sie sich nach bestimmten Erlebnissen zu fühlen haben. Nur weil sie selbst es nicht schlimm finden, als Sexobjekt betrachtet zu werden, heißt das nicht, dass es allen Frauen so gehen muss. Die Aussage „…[sie kann sich aber] nicht auf ewig traumatisiert fühlen, wenn ein Mann sich in der U-Bahn an ihr reibt, auch wenn das als Straftat angesehen wird. Sie kann dies selbst als Ausdruck einer großen sexuellen Not sehen, ja sogar als nicht geschehen.“ ist genau das ignorante Verhalten, gegen das die #MeToo Kampagne eigentlich kämpft. Jeder Mensch nimmt Dinge auf seine eigene Weise wahr, und nur weil manche solche Ereignisse nicht als problematisch ansehen und sie einfach verdrängen können (was im Übrigen auch nicht gerade das gesündeste Verhalten ist), heißt das nicht, dass diese Menschen anderen vorschreiben können, dass ein solches Erlebnis nicht traumatisierend sein kann.


Wie man es nach einem so problematischen Artikel erwarten kann, wurde der offene Brief sehr häufig kritisiert, so oft sogar, dass sich Unterstützerin Catherine Deneuve nun bei den Betroffenen, die sich von dem Text angegriffen fühlten, entschuldigte. Zu recht, denn schließlich geht es bei #MeToo um Straftaten wie sexuelle Belästigung und sexuelle Nötigung und nicht um das Verbot des Flirtens, wie es die Kritiker erschienen ließen. 


Teresa Kuntzsch

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