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Einer der größten Seen der Erde verschwindet - und die westliche Welt schaut weg?

Der Aralsee liegt in Zentralasien, er gehört zu Kasachstan und Usbekistan und war noch vor 50 Jahren der viertgrößte Binnensee der Welt. Er erstreckte sich über eine Fläche fast so groß wie Bayern. Seit 1960 sind seine Wassermengen um 90% gesunken. Dieses Desaster zählt mit zu den schlimmsten Umweltkatastrophen, die vom Menschen geschaffen wurden. Was ist passiert und wie konnte es soweit kommen?
Der Salzsee ist ein endorheisches Gewässer, das heißt, er hat keinerlei Verbindung zum Meer und wird nur durch Flüsse und Niederschläge gespeist. Da in Zentralasien jedoch kontinentales Klima herrscht, also sehr heiße Sommer und sehr kalte Winter, bekommt die Region jährlich etwa nur 100 mm pro Quadratmeter Niederschlag ab (vgl. Deutschland ca. 850 mm pro Quadratmeter). 
Sein Wasser bekommt der Aralsee hauptsächlich von den zwei Flüssen Amu Darya und Syr Darya, die die hohe Verdunstung des Sees ausgleichen. Dieser Kreislauf wurde durchbrochen, als Josef Stalin beschloss, die mittelasiatischen Sowjetrepubliken in riesige Baumwollplantagen zu verwandeln. Weil die Region für den Anbau aber zu trocken war, planten die Sowjets in den 50er Jahren lange Bewässerungskanäle, in denen sie das Wasser aus den zwei Flüssen in die umliegende Wüste leiten konnten, um den Anbau möglich zu machen. 
Dem See, der jährlich 70 Kubikkilometer an Wasser durch Verdunstung verliert, fehlte dadurch der notwendiger Ausgleich, um den Wasserstand zu erhalten. Ein starker Schwund an Wassermassen setzte ein und führte schließlich im Jahr 1987 zur Teilung des Sees, einen nördlichen See in Kasachstan und einen größeren, südlichen in Usbekistan. 
Die starke landwirtschaftliche Nutzung und die hohe Verdunstung führten auch zur zunehmenden Versalzung des abflusslosen Sees, der Uferregionen und der Umgebung. Mittlerweile ist der Boden unbrauchbar und das Wasser ist mittlerweile zwei- bis viermal salziger als das der Ozeane. In Gewässern mit einem so hohen Salzgehalt kann auch kein Fisch mehr leben. Der Untergang der lokalen Fischereibetriebe stellte ein großes Problem für die Bevölkerung rund um den Aralsee dar. Sie lebten hauptsächlich vom Fischfang. Auch der Rückgang des Wassers stellt ein großes Problem für die Menschen dar. Dörfer und Städte, die früher direkt am Ufer des Sees lagen, sind jetzt 70 km davon entfernt. Was übrig bleibt, ist eine karge Salz- und Staubwüste und vor sich hin rostende Schiffswracks.
Doch der Staub enthält nicht nur sehr hohe und damit für die Gesundheit gefährliche Konzentrationen von Salz, sondern auch die hochgiftige Verbindung TCDD, ein Nebenprodukt unsauber hergestellter Herbizide, welche in der Landwirtschaft an den einspeisenden Flüssen verwendet wurde. Auch Pestizide, Düngemittel und andere krebserregende Stoffe wurden freigesetzt und verschmutzten die Luft. 
Seit den 1970er Jahren stieg die Zahl der Magen- und Darmerkrankungen sowie die der Atmungsorgane sprunghaft an. Ebenfalls begannen sich Typhus, Paratyphus, Hepatitis und Tuberkulose auszubreiten. Typhuserkrankungen nahmen teilweise um das 20- bis 30-fache zu. Auch organische Erkrankungen traten gehäuft auf und Krebserkrankungen nahmen extrem zu. Am schlimmsten betroffen waren Kinder und schwangere Frauen. Die Kindersterblichkeit ist heute immer noch viermal höher als in Russland; in den meisten Aralsee-Regionen stirbt jedes zehnte bis zwölfte Kind vor dem 1. Lebensjahr. Sie wird durch verseuchte Nahrungsmittel und die Aufnahme von hohen Anteilen von Pflanzenschutzmitteln in der Muttermilch begünstigt. Damit ist die Säuglingssterblichkeit vergleichbar mit armen afrikanischen Staaten wie Kamerun, Kenia, Sudan oder Simbabwe. Viele Kinder haben Fehlbildungen und Behinderungen, die häufig bei Neugeborenen auftreten. 70 Prozent der Mütter und 96 Prozent der gebärfähigen Frauen leiden aufgrund von Mangelernährung an Anämie. Der Salzstaub führt bei vielen auch zu Atemwegs- und Augenerkrankungen. Ein Zusammenhang ist nicht bewiesen, aber Speiseröhrenkrebs kommt heute in Usbekistan 25-mal häufiger vor als im Weltdurchschnitt. Weitverbreitet sind hier zudem multiresistente Tuberkulose, Atemwegserkrankungen, Immunkrankheiten und Missbildungen bei Neugeborenen.
Immerhin gibt es ein bisschen Hoffnung für die Zukunft eines kleinen Teils vom See. Der kasachische Teil scheint mittlerweile gerettet. Die Kasachen errichteten 2005 einen 13 Kilometer langen Staudamm. Seit der Fertigstellung haben sich der dadurch entstandene separate See und sein Fischbestand schneller erholt als erwartet. So rettete der Damm zwar einen kleinen Teil des Aralsees, gleichzeitig schnitt er den restlichen See jedoch endgültig von einer der wichtigsten Wasserquellen ab.
Trotz der dramatischen Situation rund um diesen einst so großen See und die Menschen, die dort noch immer leben, hört man in den westlichen Medien fast nichts über die von Menschen herbeigeführte Umweltkatastrophe. Kaum jemand weiß von diesen schwerwiegenden Problemen in Zentralasien. Dabei sind wir alle betroffen. Der Aralsee liegt in einer großen Luftschneise von Westen nach Süden. Der Luftstrom nimmt die verschmutzten Partikel mit und trägt sie bis in die höheren Schichten der Stratosphäre. Von dort aus verteilen sie sich überall in der Welt. Die Pestizide aus der Aralregion konnten sogar schon im Blut von Pinguinen der Antarktis nachgewiesen werden. Dieser Vorgang alleine lässt die globale Luftverschmutzung um rund 5 Prozent ansteigen. 
Sollten wir also doch einmal auf globaler Ebene eine Lösung für unsere Umweltprobleme suchen? 
Die Erderwärmung kennt unsere Grenzen nicht. Auch wenn vielleicht nicht alle Leute wissen, wo Usbekistan und Kasachstan überhaupt liegen, am Ende sind wir immer alle betroffen.

von Julia Ohnesorg

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