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Der Faust - nach wie vor am Puls der Zeit?

 

 

„Im Anfang war die Tat!" (Vers 1237 / Faust)

Den besten Anfang für diesen Artikel zu finden, galt zuerst als große Herausforderung, doch um ihm den besonderen Glanz zu verleihen, ist es wahrscheinlich die beste Idee, sich auf Faust selbst zu berufen. Entsprungen ist dieser Ausspruch Fausts dem Zitat „Im Anfang war das Wort, …“ (Bibel, Joh 1,1-3), symbolisieren soll Fausts Äußerung das tatkräftige Handeln.

Seit Generationen wird Faust in der gymnasialen Oberstufe als abiturrelevantes Werk gelesen, im Unterricht behandelt und immer wieder mit Fragen überhäuft, um ein immer neues Verständnis des Textes zu erlangen. Handelt es sich denn bei Faust tatsächlich um ein klassisches Stück deutscher Kultur? Besser gesagt, ist die Figur des Faust nach wie vor, mit einem Teil unserer heutigen deutschen Gesellschaft vergleichbar? 

 

1808 erschien das bedeutendste Werk der deutschen Literatur „Der Faust“ von Johann Wolfgang von Goethe. Ursprünglich sollte es ein Drama, geprägt von der Epoche des „Sturm und Drang“ werden, ist jedoch deklariert als Werk der Epoche der Klassik. Über 30 Jahre hat Goethe sich dem Faust-Stoff und der Er- sowie der Ausarbeitung des Werkes gewidmet.

Der Faust handelt von einer Wette um Faust zwischen dem Herrn und Mephisto. In 25 Szenen wird der das Wissen seiner Zeit beherrschende Faust auf der Suche nach neuen Erkenntnissen und Erlebnissen begleitet. Um seine Ziele, besonders die Verführung Gretchens, zu erreichen geht er mit Mephistopheles, dem Gegenspieler Gottes einen teuflischen Pakt ein, der ihm alles verspricht bis zu dem Augenblick, in dem Faust einer Erfüllung Dauer verleihen will. Schließlich verfällt seine Seele dem Teufel. Mephisto hat allerdings nur Angebote einer kleinlichen Welt zu bieten, zu der auch Gretchen zählt. Faust verliebt sich augenblicklich in das Mädchen, verführt sie und daraufhin wird Gretchen schwanger und als Kindesmörderin verurteilt. Diesem Konflikt entflieht Faust gemeinsam mit Mephsito. 

 

Grundlagen dieses Dramas waren unter anderem soziale Erfahrungen Goethes, beispielsweise wie er Zeuge eines Prozesses gegen die Kindesmörderin Susanna Margaretha Brandt, die im Oktober 1771 zum Tode verurteilt und 1772 enthauptet wurde.

Doch um sich zurück zur anfänglichen Frage zu beziehen, ist es primär von Wichtigkeit, die Frage zu beantworten, was ist deutsche Kultur? Oder gibt es überhaupt eine deutsche Kultur? Eine Äußerung der deutschen Staatsministerin und Integrationsbeauftragten Aydan Özguz (SPD) war im August dieses Jahres, dass eine spezifische deutsche Kultur jenseits der Sprache, schlicht nicht identifizierbar sei. Dabei hat doch eigentlich alle Welt ein Bild vom „Deutschsein“ und von deutscher Kultur, so wie ein Bild von der italienischen Kultur. Der wahre Germanist würde diese Aussage ganz und gar verneinen und kontrahierend antworten, dass die deutsche Kultur alleine schon von dem „Volk der Dichter und Denker“ geprägt ist. Deutschland darf sehr wohl stolz sein, Schriftsteller und Dichter wie Immanuel Kant, Goethe oder Schiller zu seiner Geschichte und Kultur zählen zu können.

 

 

Nach wie vor lässt sich mit Faust ein Bezug zur Gesellschaft, auch zur heutigen herstellen. Denn in Goethes Werk Faust lässt sich der Geist des Titanismus widerfinden. Faust stellt stets Ansprüche eines Titans, besonders zu dem Titan Prometheus lässt sich eine Gleichheit der Ziele feststellen. Er möchte „Ebenbild der Gottheit“ sein, doch hält Begegnungen mit übermenschlichen Geistern nicht stand. Hier lässt sich ein Bogen zur heutigen Gesellschaft spannen, denn jeder stellt Ansprüche, jeder versucht „ein perfekter Mensch“ zu sein – doch diesen gibt es nicht und wird es nie geben. Es wird ebenso nie eine Person geben, welche zu jeder Zeit richtige Entscheidungen trifft und immer das Richtige tut. Berufen wir uns doch mehr darauf, dass Fehler zu machen menschlich ist, versuchen ab und zu Ansprüche runterzuschrauben und unsere Fehler einzugestehen. Denn ist das nicht der Grund, warum der Faust nie veralten wird, immer Tradition bleibt und Jahr für Jahr wieder in der Schule unterrichtet wird? Obwohl der Faust vor 209 Jahren das erste Mal aufgeführt wurde, kann man sagen, dass sich das, was Goethe womöglich der Menschheit und dem Volk übermitteln wollte, grundlegend wenig geändert hat. Die Rahmenbedingungen in Deutschland sind einer starken Dynamik unterworfen, das Land und seine Entwicklung nehmen ihren Lauf - doch was sich womöglich nie wandeln wird, sind die Ansprüche an sich selbst oder auch unsere „Selbstoptimierung“. 

 

Wir Deutschen geben uns nie mit etwas wirklich zufrieden und wollen „Perfektionismus“ möglichst andauern lassen -  dafür bieten sich in allen Bereichen der Wirklichkeit Beispiele an. Einfachstes Beispiel hierfür ist wohl die Flüchtlingspolitik in Deutschland. Anstatt, dass sich jeder glücklich mit der eigenen Lebenssituation schätzt, die in Deutschland mehr als lebenswert ist, wird sich beschwert über Flüchtlinge aus anderen Ländern, wovon die Meisten lediglich versuchen sich in Deutschland eine sichere Unterkunft oder eine Zukunft für sich und ihre Kinder aufzubauen. Die wohl einfachste Frage zu dieser kritischen Thematik an Alle ist: Wer würde schon einen Weg über das offene Meer in einem überladenen Boot, das zu untergehen droht, wählen, wenn es einen sicheren über Land gäbe? Manchmal ist es einfach wichtig, sich ins Gedächtnis zu rufen, wie gut es uns in Deutschland geht und ob wir von unserem Wohlstand nicht Menschen in Not und auf der Flucht etwas abgeben können. Zur Frage, die sich wohl jeder Schüler am Ende dieses Artikels stellen wird, warum ich genau den Faust als Thema für meinen ersten Artikel ausgewählt habe? Ja, weil es genau „sex and crime“ ist, was sich am Besten verkauft im deutschen Journalismus und das hat Goethe vor 200 Jahren auch schon entdeckt. Und flapsig gesagt geht es doch auch darum in Faust. 

 

 

Lena Osterried